
Lösungsmittel, Flüchtige organische Verbindungen
(VOC / FOV)
Was sind Lösungsmittel ?
Lösungsmittel (sog. VOC: volatile organic compounds) kommen in
vielen Bauprodukten zum Einsatz und stellen eines der häufigsten
Innenraumluftprobleme dar. Sie werden unter an-derem in Grundierungen,
Klebern, Lacken und Farben eingesetzt, die nach ihrer Verarbei-tung
auch noch über einen längeren Zeitraum Lösungsmittelanteile abgeben
können.
Die verwendeten Lösungsmittelgemische setzen sich in der Regel
aus einigen hundert Ein-zelkomponenten zusammensetzen, die sich
in ihren generellen Verdunstungseigenschaften von leicht flüchtig
bis schwer flüchtig unterscheiden. Die Zusammensetzung der Lösungs-mittelgemische
hat einen entscheidenden Einfluss auf das Ausdünstungsverhalten
der Baustoffe und kann zu zeitlich verzögerten innenraumlufthygienischen
Problemen führen. Dies gilt insbesondere für solche Komponenten
der Lösungsmittelgemische, die aufgrund ihrer hohen Siedepunkt schwer
flüchtig sind. Als Beispiel seien hier die Glykolverbindungen genannt,
die häufig in wasserverdünnbaren Systemen eingesetzt werden.
Verbraucherschutz
Wie wird nun der Verbraucher gegenüber einer gesundheitlichen Gefährdung
durch Lö-sungsmittel geschützt? Von behördlicher Seite werden seit
1996 von der Ad-hoc-Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der Innenraumlufthygiene-Kommission
(IRK) des Umwelt-bundesamtes und der Länderarbeitsgruppe "Umweltbezogener
Gesundheitsschutz" (LAUG) der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden
(AOLG) kontinuierlich Richtwerte für die Innenraumluft erarbeitet
und veröffentlicht. Dies ist auch für den Bereich der Lösungsmittel
erfolgt. Hierbei handelt es sich allerdings nicht um streng toxikologisch
abgeleitete Richtwerte, was anhand der Komplexität der Lösungsmittelgemische
auch nur schwer möglich ist. Die ausgesprochenen Richtwerte stellen
aber ein Regularium dar, dass zur messtechnischen Kontrolle in Innenräumen
nach der Fertigstellung des Gebäudes bzw. der Renovierung zur Anwendung
kommen kann. Die gutachterliche Erfahrung zeigt hierbei, dass es
im Bereich der Schadensfälle häufig nach dem Neubau und nach Renovierungsarbeiten
zu Überschreitungen der von der Innenraumluftkommission festgelegten
Richtwerte kommt.
Für die Verwendung von Bauprodukten gelten weiterhin in Deutschland
die Bestimmungen der Landesbauordnungen. Danach sind bauliche Anlagen
so zu errichten und instandzuhalten, dass Leben, Gesundheit oder
die natürlichen Lebensgrundlagen nicht gefährdet werden (§ 3 Musterbauordnung,
MBO). Bauprodukte, mit denen Gebäude errichtet oder die in solche
eingebaut werden, haben diese Anforderungen insbesondere in der
Weise zu erfüllen, dass durch chemische, physikalische oder biologische
Einflüsse Gefahren oder unzumutbare Belästigungen nicht entstehen
(§16 MBO).
Gibt es lösungsmittelarme Produkte ?
Es stellt sich natürlich die Frage, inwieweit im Vorfeld einer
Baumaßnahme Bauprodukte ausgewählt werden können, die erfahrungsgemäß
nur zu geringen Belastungen der Raum-luft führen. Eine Alternative
zu herkömmlichen Systemen stellen im Bereich der Bodengrundierungen
und -kleber die sogenannte Emicodes (EC) dar. Hierbei handelt es
sich um Produkte, die unter normierten Prüfbedingungen in einer
Prüfkammer über einen Zeitraum von 28 Tagen auf ihr Emissionsverhalten
in Bezug auf Lösungsmittel untersucht werden. Eine Aussage über
durch diese Produkte verursachte Raumluftbelastungen durch Lösungsmittel
ist somit möglich. Danach werden die Produkte drei Emissionsklassen
zugeordnet, wobei die emissionsärmste Klasse mit dem Emicode 1 (EC1)
ausgezeichnet wird. Bei Verwendung von EC1-Systemen ist im Vergleich
zu herkömmlichen Systemen lediglich mit geringen Lö-sungsmittelemissionen
während Verarbeitung und Nutzung zu rechnen. Eine den Emicodes adäquate
Einteilung bezüglich des Emissionsverhaltens existiert für Beschichtungssysteme
(Grundierungen, Lacke) zum gegenwärtigen Zeitpunkt leider nicht.
Hier muss der Verbrau-cher derzeit auf Produkte zurückgreifen, die
mit dem Blauen Umweltengel ausgezeichnet wurden. Allerdings handelt
es sich hierbei um in ihren absoluten Lösungsmittelgehalten reduzierte
Systeme, die nicht in Prüfkammern auf ihr effektives Emissionsverhalten
untersucht wurden.
Eine weitere Alternative kann in einer generellen ökologischen
Bauweise unter Verwendung von natürlichen Baustoffen, wie sie beispielsweise
der baubiologische Baustoffhandel zur Verfügung stellt, bestehen.
Hierbei muss allerdings erwähnt werden, dass auch hier Produkte
existieren, die erhebliche Anteile an natürlichen Lösungsmitteln
(Balsamterpentinöl, Orangenschalenöl) enthalten können, die aufgrund
der darin enthaltenen Terpenverbindungen zu unerwünschten allergenen
Reizungserscheinungen bei Allergikern führen können.
Speichereffekte
Bei der Lackierung von Materialoberflächen kann es zu Speicher-
und Versiegelungseffekten kommen. Beispielsweise enthalten Parkettgrundierungen
und -versiegelungen häufig hohe Anteile an Lösungs- und Verdünnungsmitteln,
die bei der Verarbeitung in das Holz einziehen. Aufgrund von Reifungs-
und Härtungsprozessen auf der Versiegelungsoberfläche kommt es zu
einer Art Filmbildung, die eine Sperrwirkung auf die darunter befindlichen
Lösungsmittel ausübt. Dies führt im Vergleich zu einer offenporigen
Dispersionswandfarbe zu einem generell verzögerten Ausdünstungsverhalten.
Werden zusätzlich noch die einzelnen Arbeitsschritte (Grundierung,
Versiegelung) unter Nichteinhaltung der erforderlichen Trock-nungszeiten
durchgeführt, kann dies zusätzlich zu erhöhten Lösungsmittelreservoiren
und hierdurch hervorgerufene Langzeitemissionen aus dem Parkettfußboden
führen. In einem derartigen Fall konnten unsererseits beispielsweise
in einer Penthousewohnung mit Eichenparkett noch nach zwei Jahren
erhebliche Lösungsmittelbelastungen in der Innenraumluft nachgewiesen
werden. Weiterhin können auch die zur Verklebung verwendeten Parkettkleber
und die vorab aufgebrachten Grundierungen zu einem längerfristigen
Lösungsmittelproblem im Wohnbereich führen.
Lösungsmittelkomponenten
VOC ist die Abkürzung von Volatile Organic Compounds (flüchtige
organische Verbindungen) und umfasst alle organischen Substanzen
mit einem Siedepunkt, der bei maximal 252,6°C (für Tetradekan) liegt.
Meist handelt es sich nicht um Einzelsubstanzen sondern um Gemische
aus Kohlenwasserstoffen, Terpenen, Siloxanen, Glykolverbindungen,
Aldehyden, Keto-nen, Alkoholen und Estern.
Kohlenwasserstoffe
Bezeichnung für organische Verbindungen, die nur aus Kohlenstoff
und Wasserstoff bestehen und in gesättigte, ungesättigten und aromatischen
Kohlenwasserstoffe eingeteilt werden.
 
Aliphatische Kohlenwasserstoffe:
VOCs, die durch fraktionierte Destillation und Hydrierung aus Erdöl
gewonnen werden. Aliphatische Kohlenwasserstoffe wie Hexan, Oktan,
Dekan, bzw. Dodekan spielen technisch als Bestandteile von Kraftstoffen,
Lösungsmitteln sowie chemischen Rohstoffen eine große Rolle. Anthropogene
Emissionen von Kohlenwasserstoffen aus Lösungsmitteln. Aliphatische
Kohlenwasserstoffe sind in der Regel nicht bzw. gering toxisch.
Hexan verursacht allerdings Nervenschäden, wirkt schleimhautreizend
und allergisierend.
Ungesättigten Verbindungen, wie das trimere Isobuten oder das 4-Phenylcyclohexen
sind Verunreinigungen, die bei der Herstellung von Polymeren wie
z.B. Syntheselatex anfallen. Diese Substanzen sind häufig im Zusammenhang
mit Geruchsproblemen relevant.
Aromatische Kohlenwasserstoffe:
Zu den aromatischen Kohlenwasserstoffen gehören u.a. die
Verbindungen Benzol, Toluol, Xylol und Ethylbenzol. Diese sogenannten
BTEX-Aromaten waren in der Vergangenheit häufig anzutreffende Lösungsmittel
in Nitro- sowie Kunstharzlacken und Dispersionsklebern, wurden aber
aufgrund des schädigenden Wirkungen auf das Nervensystem und des
nachgewiesenen kanzerogenen Potentials zunehmend durch andere Verbindungen
ersetzt.

Halogenierte Kohlenwasserstoffe:

Unter halogenierten Kohlenwasserstoffen versteht man Kohlenwasserstoffverbindungen,
die zusätzlich Atome aus der Gruppe der Halogene (Chlor, Brom, Fluor
u. a.) enthalten. Die halogenierten Kohlenwasserstoffe haben sich
als besonders umweltschädlich erwiesen, da sie u.a. für den Abbau
der Ozonschicht verantwortlich gemacht werden. Derartige Verbin-dungen
werden derzeit noch in größerer Menge in z. B. chemischen Reinigungen
eingesetzt (Perchlorethylen). Auch in Abbeizern und Entfettungsmitteln
sowie Ledersprays waren Ver-bindungen wie Dichlormethan, Dichlorethan
sowie Di- und Trichlorethylen vorhanden. Auf-grund der Umweltschädlichkeit,
ihrer leber- und nierenschädigenden bzw. krebserzeugen-den Wirkung
wurden die halogenierte Kohlenwasserstoffe in der Vergangenheit
zunehmend durch andere Stoffe ersetzt und haben deshalb heute nur
noch eine untergeordnete Bedeutung.
Terpene:
Terpene gehören ebenfalls zur Gruppe der ungesättigten Kohlenwasserstoffe.
Aufgrund ihrer natürlichen Herkunft werden sie jedoch von diesen
unterschieden. Sie werden u.a. durch Destillation aus Baumharzen
und Schalen von Zitrusfrüchten hergestellt. Die Stoffgruppe findet
in vielen Farben, insbesondere in Biofarben, verstärkt Anwendung.
Ausgenutzt wird dabei, dass viele der Terpene eine hohe geruchliche
Akzeptanz finden, da sie auch im Kie-fernöl (a- und b-Pinen) und
vielen Zitrusfrüchten (Limonen) enthalten sind. Auch als Duft-stoffe
bzw. ätherische Öle für Duftlampen werden Terpenverbindungen in
Innenräumen oft in größerer Menge freigesetzt. Terpene geraten zunehmend
in das Kreuzfeuer der Kritik, da von vielen dieser Verbindungen
eine allergisierende Wirkung vermutet wird oder schon bestätigt
wurde. Problematisch ist insbesondere D3-Caren, das beispielsweise
als Verursacher der sogenannten "Malerkrätze" bekannt ist.
Siloxane:
Siloxane sind Sauerstoffverbindungen des Siliziums der allgemeinen
Formel H3Si-[O-SiH2]n-O-SiH3. Die Wasserstoffatome können durch
organische Reste ersetzt sein. Siloxane treten immer häufiger bei
Analysen von Raumluftproben auf. Ihre Quellen sind beispielsweise
Mö-bellacke, in denen sie als Additive zur Verminderung der Oberflächenspannung,
der Verbesserung des Verlaufes oder der Erhöhung der Kratzfestigkeit
zugesetzt werden, oder Siliconprodukte, die beispielsweise zur Hydrophobierung
von Baustoffen und Produkte des persönlichen Bedarfes verwendet
werden.
Belastbare Daten zur toxikologischen Bewertung dieser Substanzen
in der Innenraumluft liegen bisher nicht vor.
Alkohole, Ester und Ether mehrwertiger Alkohole (Glykole):
In Alkoholen der aliphatischen oder aromatischen Reihe, ist
ein Wasserstoffatome durch eine Hydroxyl-[OH-]Gruppe ersetzt. Zu
den bekanntesten Alkoholen zählt Ethanol, das durch Gärungsprozesse
entsteht und in großen Mengen in alkoholischen Getränken enthal-ten
ist. Das Vorkommen von iso-Propanol und Ethanol ist hauptsächlich
auf deren Einsatz in Reinigungsmitteln, Raumluftsprays und Kosmetika
zurückzuführen. Höhere Alkohole werden als Lösemittel für Lacke,
Farben, Harze, Polituren, Extraktions- und Reinigungsmittel sowie
für die Kunststoffherstellung, in Parfümen und Aromastoffen verwendet.
Bei verdeckten Feuchteschäden werden häufig erhöhte Konzentrationen
des geruchsintensi-ven Alkohols 2-Ethyl-1-hexanol gemessen. Dieser
Alkohol entsteht unter alkalischen Bedin-gungen (z.B. auf einem
Estrich) durch Hydrolyse aus DEHP (Diethylhexylphthalat), der häufig
als Weichmacher eingesetzt wird. In gleicher Weise wird n-Butanol
aus dem Weichma-cher Dibutylphthalat (DBP) gebildet.
Glykole sind organische Derivate des Ethylenglykols in der
zwei H-Atome durch Hydro-xygruppen substituiert wurden. Diese Verbindungen
werden häufig als Lösungsmittel in wasserbasierten Lacken sowie
in lösemittelarmen bzw. lösemittelfreien Teppichklebern ver-wendet.
Dabei erlaubt das Umweltbundesamt, dass in Lacken, die den blauen
Engel verlie-hen bekommen, bis zu 10 % Glykolverbindungen erhalten
sein dürfen. In vielen lösemittel-freien Teppichklebern werden hochsiedende
Glykolverbindungen mit Siedepunkten oberhalb 200 °C verwendet. Diese
Hochsieder müssen nicht als Lösungsmittel deklariert werden und
die Produkte dürfen somit als "lösemittelfrei" bezeichnet werden.
Glykolverbindungen ver-dunsten aufgrund ihrer meist gegenüber konventionellen
Lösemitteln höheren Siedepunkte nur extrem langsam. Durch Glykolverbindungen
vorherrschende Belastungen können dabei über lange Zeiträume von
Monaten und Jahren hinweg aus Oberflächen ausgasen und stellen somit
eine potentielle Langzeitquelle dar. Glykole riechen außerdem nur
schwach. Ein weiteres Problem, welches durch die Verwendung von
Glykolverbindungen als Lösemittel auftreten kann, sind sogenannte
Sekundärkontaminationen. Diese entstehen, wenn relative schwerflüchtige
Substanzen über lange Zeit hinweg die Raumluft belasten und sich
langsam auf ursprünglich unbelasteten Oberflächen wie Wände und
Fußböden oder in Textilien niederschlagen.
Ester sind chemische Verbindungen, die aus einem Alkohol
und einer organischen oder anorganischen Säure unter Wasserabspaltung
entstehen (Veresterung). Diese Substanzen dienen in der Getränkeindustrie
als Fruchtessenzen, in der Parfümerie als Geruchsstoffe und werden
als Lösungsmittel für Kleber, Farben, Lacke und Harze eingesetzt.
Ester und Ether mehrwertiger Alkohole (EEMA)
werden vor allem in lösungsmittelarmen Systemen wie "Wasserlacken",
Dispersionsfarben oder Dispersionsklebern verwendet, um den Gehalt
leichtflüchtiger Lösemittelbestandteilen aus Arbeitsschutzgründen
zu vermindern. Ihr Gehalt der Innenraumluft ist deshalb in den letzten
Jahren deutlich angestiegen.
Eine Reihe von Glykolverbindungen, insbesondere die Ethylen?Glykolether
und ihre Acetate, haben sich im Tierversuch als embryotoxisch erwiesen.
Darüber hinaus haben sie das Po-tential, die Fortpflanzungsorgane
zu schädigen.
Aldehyde und Ketone: Aldehyde enthalten die reaktionsfreudige
Aldehydgruppe (-CHO), in Ketonen ist das H-Atom durch einen weiteren
aliphatischen und aromatischen Rest subtituiert. Sie sind Zwischen-produkte
bei der Herstellung von Kunststoffen, Lösungsmitteln, Farbstoffen,
Parfümen und Gerbereibedarfsartikeln. Aldehyde sind sehr geruchsintensiv,
insbesondere n-Hexanal stellt eine Leitkomponente dar. Quellen sind
Materialien aus Holz bzw. zellulosischem Material wie Paneele, Laminat,
Fertigparkett oder OSB-Platten, bei denen die Aldehyde produktionsbe-dingt
aus Restbeständen von Harzen entstehen und Produkte auf Basis von
Leinöl, das bei-spielsweise als Bindemittel in Naturfarben und zur
Herstellung von Linoleum eingesetzt wird. Auch Phthalate, die als
Weichmacher Bestandteil von PVC-Bodenbelägen sind, können auf zu
feuchten Estrichen hydrolisieren und allmählich zu den entsprechenden
Aldehyden (E-thylhexanal) oxidiert werden. Höhere aliphatische Aldehyde
weisen im Gegensatz zu Furfural und Benzaldehyd eine vergleichsweise
geringe Toxizität auf.
Ketone wie z.B. Methylisobutylketon (MEK), Aceton oder Diethylketon
sind klare, leichtflüch-tige Lösemittel mit charakteristischem Geruch
und werden häufig in Klebstoffen (Alleskle-bern) und als Universal-Lösungsmittel
eingesetzt. Auch Nagellackentferner enthält in der Regel größere
Mengen Aceton.
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